b_180_180_16777215_00_images_Sankt-Bruno_laufend_2020_2020-02-11-Hungertuch2020.jpg"Mensch, wo bist du?"

Zu Beginnder Fastenzeit erläuterte der Künstler Uwe Appold das „Hungertuch“ in der Hl. Kreuz.

Ein Interview von Misereor erläutert die vielen Facetten dieses außergewöhnlichen Werks. Das vollständige Interview finden Sie unter diesem Link.


Wie lange haben Sie an dem Konzept gearbeitet, das in der Idee gipfelt, Originalerde aus dem Garten Gethsemane in das Bild einzuarbeiten?
Uwe Appold: Der Entwurf entstand im Kern innerhalb zweier Tage. Das lag am Papst.

Wie bitte?
Uwe Appold: Ich las in der Enzyklika „Laudato Si“, der zweiten Enzyklika von Papst
Franziskus aus dem Jahr 2015. Darin schreibt er von dem einen, „gemeinsamen Haus“, in
dem die Menschheit zur Schicksalsgemeinschaft verschmilzt: Der Klimawandel, die Folgen
der Umweltzerstörung, die soziale Ungerechtigkeit, der Hunger, die Kriege – das betri_t uns
alle. Wir leben auf der Erde unter einem Dach. Da hilft auch keine Abschottungspolitik.

Ein stilisiertes Haus steht im Mittelpunkt Ihres Werkes, umgeben von
einem großen, goldenen Kreis. Hätte nicht ein zerstörtes Haus besser den aktuellen Zustand der Zivilisation beschrieben?

Uwe Appold: Wohl wahr. Aber Glauben verbinde ich mit Hoffnung. Die christliche Botschaft
will Mut machen. Mein Werk mag ein kleiner Beitrag dazu sein. Ich beobachte in der
Gesellschaft einen wachsenden Vertrauensverlust in die Institutionen, in uns selbst. Wer die
Hoffnung nicht verliert, wird sich behütet fühlen. Deswegen der goldene Kreis um das Haus.

Das Haus auf Ihrem Werk hat eine große Öffnung. Warum?
Uwe Appold: Weil es nicht fertig ist. Die ganze Menschheit muss weiter daran arbeiten. Es ist
zugleich offen für alle. Es gibt keine Abschottung, kein Verschließen der Augen und der
Ohren. Wir sehen nicht nur nach draußen, wir hören auch nach draußen, lauschen den Rufen
der geschundenen Menschen und der Natur, uns erreicht der stumme Schrei der Erde.

Das Haus steht im wahrsten Sinne des Wortes auf ungewöhnlichem (Hinter-)Grund. In die Farbe haben Sie Erde aus dem Garten Gethsemane eingearbeitet. Wie entstand diese Idee?
Uwe Appold: Als ich die Enzyklika las, spürte ich den heiligen Ernst der Worte des Papstes. Er
beschwört eindrucksvoll die Bewahrung der Schöpfung. Die Erde, die ich seit vielen Jahren
in zahlreichen Bildern verarbeitet habe, erzählt wie kein anderer „Werkstoff“ Geschichte. Worte wie „Mutterboden“ oder „Vaterland“ deuten die Verbundenheit an. Erde bedeutet
zugleich Heimat…

Warum speziell Erde aus dem Garten Gethsemane? Hätte es nicht jede andere Erde auch getan?
Uwe Appold: Ich erlebe immer wieder, was bestimmte Erden von verschiedenen Orten, die
ich in Bildern verarbeitet habe, bei Betrachtern auslöst. Erde aus dem Heiligen Land, dort, wo
die Wurzeln der Christenheit liegen, schien mir bei dem Hungertuch-Werk naheliegend zu
sein. Im Garten Gethsemane begann das ganze Ostergeschehen, das der Fastenzeit mit dem
Hungertuch folgt.

Das majestätische Blau auf Ihrem Bild steht für die Weltmeere?
Uwe Appold: Es steht für so viel. Natürlich das Meer. Blau gilt aber auch als Farbe des
Glaubens und der Zuverlässigkeit. Es wird mit Mediation und Ferne oder mit dem Weltraum
assoziiert. Im Kapitel 12 der Johannes-O_enbarung wird von der Himmelskönigin
gesprochen, die einen blauen Mantel trägt. Sie ist Vermittlerin zwischen Menschen und Gott.
Unter diesem Blickwinkel bekommt die „Mutter Erde“ eine ganz andere Bedeutungsebene.

Auf Ihrer Vorlage fürs Hungertuch sind keine Menschen zu sehen. Haben Sie sie vergessen?
Uwe Appold: Nein, nein. Das hängt mit dem Titel des Bildes zusammen. Er lautet: „Mensch,
wo bist du?“.

Wie kam es zu diesem Titel?
Uwe Appold: Ich erinnerte mich an ein Gespräch mit einem Rabbiner, dessen gesamte
Familie in der NS-Zeit von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Er sagte mir, dass wir
angesichts solcher Verbrechen die falsche Frage stellen. „Gott, wo bist Du?“, werde gefragt.
Dabei – so der Rabbiner – sollten wir die Verantwortung bei uns selbst suchen. Entsprechend
müsse es heißen: „Mensch, wo bist du?“.

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25. Oktober 2020

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